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Orte: Wien; Erbstetten in Deutschland; Göteborg, Kungälv, Nya Varvet, Stockholm, Strömstadt, Uddevalla und Uppsala in Schweden u.a. Quellentypen: Korrespondenz (Familienkorrespondenz Freundschaftskorrespondenz, Freundinnenkorrespondenz, Lese:innenbrief): 205 Schreiben; 4 amtliche Dokumente; 15 Fotografien; Weiteres: Zeitungsausschnitte, Einladungen, Notizzettel, 1 Buch u.a. Zum Bestand: Schreiberin/Adressatin: Rosa M.; 1885-1971, Geburtsort unbekannt, gest. in Wien
Schreiber/Adressat: Dr. Karl M.; 1909-1986, geb. und gest. in Wien
Übergeberin: Gertraud B. (Enkelin von Rosa M., Tochter von Dr. Karl M.), 2021
Rosa M. war Weißnäherin in Wien, ihr Ehemann Karl M. (1886-1958) war Schriftsetzer bei der Neuen freien Presse. Sie wohnten in der Rasumofskygase im dritten Wiener Gemeindebezirk Landstraße, ihre Tochter war Elisabeth M., ihr Sohn Dr. Karl M. (1909-1986) verbrachte ab Juni 1919 im Rahmen der sogenannten Kinderverschickung drei Aufenthalte in Schweden.
Aus diesem Zusammenhang ist eine Sammlung von 205 Korrespondenzstücken erhalten, die Rosa und Karl M. mit den Gastfamilien ihres Sohnes geführt haben. Rosa M. besuchte dazu auch einen Sprachkurs für Schwedisch im Volksbildungshaus Wiener Urania, wovon 1 Besuchsbestätigung aus Jänner 1921 erhalten ist, im April 1922 wurde sie als „lebenslängliches Mitglied“ in den „Bund der Freunde Skandinaviens“ aufgenommen, was ebenfalls durch eine Bestätigung belegt ist.
Auf den kleinen Karl M. sind 1 Abholungsanweisung für „Liebesgaben“ der „Schwedischen Hilfsaktion Wien“ aus Dezember 1920 und 1 zweisprachiger Fragebogen für ein schwedisches Visum aus Juni 1921 ausgestellt. Von seinen Korrespondenzen aus der Kinderverschickung an die Eltern sind 9 Briefe erhalten, die er zwischen Juni 1919 und Juli 1921 aus Kungälv und Göteborg nach Wien abgeschickt hat. Inhalt sind u.a. Berichte von der Verpflegung in der neuen Umgebung: „Jetzt will ich dir von der Kost etwas erzählen. Tee mit Milch in der Frühe bekommen wir Fleisch mit Milch und Kartoffel dazu Kaffee mit Butter Brot“ (9. Juli 1919).
Der größte Teil des Bestandes sind Korrespondenzen von Rosa M. mit mehreren (ehemaligen) Gastfamilien, die jeweils teilweise in deutscher und teilweise in schwedischer Sprache und teilweise auch zweisprachig geschrieben wurden, manche davon schließlich auch über mehrere Jahrzehnte lang. Die frühesten Korrespondenzstücke sind mit Juni 1919 datiert, die spätesten mit Juli 1971, beigelegt sind insgesamt 7 Fotografien.
Von Familie E. sind 67 Poststücke erhalten, die zwischen Juni 1919 und Juli 1971 u.a. aus Kungälv, Uddevalla und Stockholm adressiert wurden. Karl M. war zweimal zu Gast bei Familie E., mit der er die Sommermonate an der schwedischen Westküste verbrachte. In den frühen Schreiben berichteten die Gastmutter Clara E. und die „Tante“ Anna K. u.a. über das Wohlbefinden des Buben in ihrer Obhut: „Wir sind alle in Strömstad zu Besuch bei meiner dort verheirateten Schwester gewesen. Dort fand es Karl sehr nett mit ihren erwachsenen Kindern die fleissig mit ihm plauderten und war er die ganze Zeit äusserst vergnügt und froh“ (3. Juli 1919). In den späteren Schreiben erkundigte sich Clara E. u.a. nach dem Befinden der Freund:innen in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg: „Wir empfinden für Sie sehr grosse Teilnahme und verstehen welche schweren Entbehrungen und Schwierigkeiten Sie durchmachen gemusst haben. […] Wir wollten Ihnen sehr gern irgendwie helfen, wenn wir nur wüsten, was Sie am besten brauchen und auf welche Weise wir Ihnen es senden könnten“ (18. März 1946). Ein wiederkehrendes Thema für die zwei Frauen war der Austausch über Neuigkeiten im Leben ihrer Kinder und deren inzwischen gegründeten eigenen Familien.
Die Korrespondenz mit Familie L. ist aus einer Freundschaft zwischen Karl M. und Sten L. entstanden. Er war der Neffe von Clara und Axel E. und setzte sich dafür ein, dass Karl M. ein drittes Mal nach Skandinavien kommen konnte. Die 18 größtenteils deutschsprachigen Schreiben aus ihrer Korrespondenz wurden zwischen Februar 1920 und Dezember 1952 aus Strömstadt und Uppsala abgesendet. Einem Brief aus 1921 sind 5 Fotografien beigelegt, 3 Schreiben von April 1949 bis August 1951 sind an Sten L. adressiert. Er war später Professor in Sigtuna, der Kontakt mit Karl M. und seiner Familie hielt ihr ganzes Leben lang.
Den dritten Aufenthalt verbrachte Karl M. bei Familie E. in Göteborg, die hier eine Schneiderei betrieben und wo er auch die Schule besuchte. Von ihrer Korrespondenz sind 32 Schreiben von Februar 1920 bis April 1963 erhalten. In einem der späteren Schreiben stellte sich eine der drei Töchter vor: „Ich bin dreizehn jahr alt. Ich gehe in ein Mädchenschule. Da lerne ich mir deutsch“ (9. November 1943). Beigelegt sind diesem Brief auch getrocknete Blätter und 1 Portraitfotografie des Mädchens.
Weitere Schreiber:innen waren u.a. Mitglieder der Familie S. aus Göteborg (39 Schreiben von November 1920 bis Februar 1928) sowie der Familie K. aus Nya Varvet (12 Schreiben von Jänner 1921 bis Juli 1971).
3 der 8 losen Fotografien zeigen den kleinen Karl M. in Schweden. Die 5 weiteren sind bis 1952 datiert und zeigen Personengruppen, Portraits und Landschaften.
Dazu wurden 5 lose Ausschnitte von zeitgenössischen Zeitungsberichten zur Kinderlandverschickung und den österreichisch-schwedischen Beziehungen aufbewahrt, 1 Eintrittskarte für eine „Schwedenfeier“ aus Juni 1926, das gedruckte Buch „Minnesboken Över Svenkarnas Färd Til Österrike Sommaren“ [Erinnerung an die Sommerreise der Schweden nach Österreich] von Eugéne Lewenhaupt (hg. 1926 in Stockholm) und 1 Empfangscoupon aus Schweden aus August 1966.
Aus den späteren Korrespondenzen von Karl M. ist ein loser Brief seiner Schwester Elisabeth M. aus Oktober 1944 erhalten. Sie hat zu dieser Zeit im Kriegsdienst in einem Lazarett in Erbstetten in Deutschland gearbeitet. Im August 1946 schrieb „Karin“ aus Neumarkt über die Nachkriegssituation: „Hoffst Du, daß wir in 15 Jahren über dem Berg sind? Dann hätten wir wenigsten noch ein paar, wenn auch gerade nicht schöne, aber vielleicht doch ruhige Jahre, bis wir ins Gras beißen Die Illusionen sind ja so ziemlich vergangen.“
Karl M. arbeitete als Sonderschullehrer und war später Ministerrat im Unterrichtsministerium. |